Ich kann meinem Kind nicht helfen, weil ich kein Deutsch kann

Ich habe meiner Anfängergruppe für jeden Tag eine Hausaufgabe aufgegeben, die die Schülerinnen nur mit einem Elternteil erledigen konnten. Am Anfang hatte ich nämlich die Vorstellung, dass die Eltern mit Hilfe der vom Kind angefertigten zweisprachigen Wortkarten zusammen mit ihrem Kind die neuen Wörter üben könnten, wenn sie wollen. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass diese Übungen nicht nur eine Frage des Wollens sind. Deswegen lohnt es sich, sich als DaZ Lehrer der häufigsten Ausrede von Eltern zu widmen: Sie könnten ihren Kindern beim Deutschlernen nicht helfen, weil sie selbst kein Deutsch können.

Nach meiner Beobachtung gibt es wichtigere Hindernisse als nur die mangelnde Deutschkenntnisse, die aber von den Eltern nicht gerne angesprochen werden. Z.B.

  1. die Eltern sind stark psychisch belastet und haben keine Geduld, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen,
  2. die Eltern arbeiten so lange, dass sie außer zur Grundversorgung keine Zeit mit ihren Kindern verbringen können,
  3. die Eltern sind Analphabeten
  4. die Eltern sind mit einem Umzug beschäftigt und können kurzzeitig das Kind beim Lernen nicht unterstützen
  5. ein Elternteil reist in das Heimatland zurück und so ist das andere überfordert usw.

Nach meiner Erfahrung lassen sich die Gründe durch eine enge Zusammenarbeit und vertrauensvolle Kommunikation mit den Eltern identifizieren. Bei Elterngesprächen kann dann einzeln geklärt werden, ob es möglich ist, Zeit und Geduld zum Üben zu finden. Es gibt Eltern, die in der Anfangsphase nicht mitmachen können, später aber zur Ruhe kommen und die Aufgabe annehmen. Andere machen vom Anfang an mit, legen aber Pausen ein. Wenn alle anderen Faktoren mitspielen, ist der Mangel an Deutschkenntnissen jedenfalls keine Hürde. Wichtig war jedoch, dass ich im Rahmen des Elternabends die Methode der zweisprachigen Wortkarteien vorgestellt und vorgespielt habe.

2 Antworten

  1. Im Laufe der Zeit als DaZ-Lehrerin (25 Jahre), habe ich immer mehr auf Hausaufgaben verzichtet. Das Pro und Contra dazu ist ja ein Dauerthema in der Pädagogik. Meine Argumente:
    – Wer’s kann, braucht keine Hausaufgaben.
    – Wer’s nicht kann, quält sich und fühlt sich schlecht.
    – Faule oder problembehaftete Schüler machen eh keine Hausaufgaben.
    – Viele Wohnverhältnisse machen es den Kindern schlicht unmöglich, sich zurückzuziehen und zu konzentrieren.
    Statt dessen setze ich auf Anregung und jugendliche Neugierde. Ich zeige ihnen verschiedene Möglichkeiten allein weiterzulernen, gebe ihnen Ideen, was sie fragen, wonach sie suchen könnten.

  2. Maria Greckl sagt:

    Ich gebe meinen Schülern häufig, aber nicht unbedingt jeden Tag, Hausaufgaben auf. Es sind Aufgaben, die sie in kurzer Zeit (10-15 Minuten) alleine bewältigen können. Ich will damit erreichen, dass sie zu Hause noch einmal einen Blick auf das werfen, was wir in der Schule gemacht haben. Ich kontrolliere am nächsten Tag mit einer Liste, die jeder einsehen kann, die Hausaufgaben. Wenn man keine Zeit hatte, kann man die Hausaufgabe nachreichen. Die Arbeit mit der Liste führt dazu, dass nach und nach immer mehr Schüler die Hausaufgaben machen. Die Besprechung der Hausaufgabe ist oft der Stundeneinstieg am nächsten Tag.

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