Baustelle Zweitschrifterwerb

Für die Betreuungslehrer DaZ bedeuten Schüler aus den Krisenregionen im Nahen Osten immer auch, dass viele von ihnen noch nicht die lateinischen Buchstaben lesen und schreiben können. Kinder, die im Grundschulalter länger keinen regulären Unterricht im Herkunftsland mehr hatten, sind oft auch in ihrer/n Herkunftssprache/n funktionale Analphabeten und müssen dann bei uns alphabetisiert werden. Besonders in der Sekundarstufe I stellt das die DaZ-KollegInnen vor das Problem, etwas vermitteln zu müssen, wofür sie meist keine ausreichende Ausbildung haben.

Für diese Schulstufe bieten die Verlage keine geeigneten Materialien an. 13jährigen Jungs kann man keine auf Niedlichkeit ausgerichteten Grundschulmaterialien mit Tierkindern oder Monstern zumuten, wenn sie motiviert lernen sollen. Und auch die in Qualität und Vielfalt angebotenen Lehrwerke der Alphakurse für Erwachsene können wir nicht verwenden, weil sie nicht mit unserer Schulausgangsschrift arbeiten und in der Regel für eine größere Kurs-Stundenzahl konzipiert wurden als sie uns zur Verfügung steht. Die Schulausgangsschrift bzw. eine gebundene Schrift müssen Sek-I-Schüler aber zumindest lesen können, weil ihre Fachlehrer so an die Tafel schreiben. Natürlich kann man sich aus den genannten Quellen geeignete Materialien zusammenbasteln. Aber es wäre doch schön, wenn man etwas Fertiges nutzen könnte.

Die Frage, die sich stellt, ist: Warum gibt es da nichts? Weil die Verlage im DaZ-Bereich, so versichern sie gern, nicht genügend Exemplare verkaufen würden, dass es sich also nicht rechne. Ich halte das für eine recht fadenscheinige Ausrede. Denn ein zeitloses, solide gemachtes Standardwerk verkauft sich schon mal über 15 bis 20 Jahre. Dafür gibt es genügend Beispiele. Außerdem bieten Verlage ja inzwischen vermehrt Downloads an, die auch gern kostenpflichtig sein dürften, wenn sie denn die Nachfrage befriedigen. Mit solchen Materialien würden sich die Herstellungskosten in Grenzen halten.

In den letzten Monaten konnten wir in verschiedenen Bereichen erleben, wie durch eine Art institutionelle Massenpanik im Zuge der Flüchtlingsströme Dinge plötzlich möglich wurden, für die wir jahrelang vergebens gekämpft haben. Vielleicht gilt das ja auch für Alphabetisierungsmaterialien für die Sek I…

P.S. Ich hätte da noch ein Exposé im Schrank. =)

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